Nicht einmal ein Jahr ist es her, dass wir uns in Europa über die in China praktizierten Methoden zur inhaltlichen Kontrolle des Internets echauffierten. Rund um die Olympischen Spiele 2008 in Peking konnte man das Gefühl haben, dass Europa nach außen nicht nur wirtschaftliche Interessen vertritt, sondern auch hinsichtlich der Freiheit der Kommunikationsmedien – die fraglos nicht immer einfach zu ertragen ist – eine klare und freiheitlich-demokratische Position einnimmt.
Dies scheint nun aber vom Tisch. Nicht erst seit den medienwirksamen Ausfällen von Ursula von der Leyen sollte klar sein, dass für viele jener Menschen, die sich gerade am Zenit ihrer Macht befinden, das Internet vor allen Dingen etwas ist, was es einzudämmen gilt. Verständlich, haben sie ihre Karrieren und Netzwerke doch vollkommen frei von Twitter, Blogs und Co. aufgebaut und sehen sich nun von den deutlich schnelleren Medien ihrer Verdienste beraubt. Die Aufmerksamkeitsökonomie hat durch die neuen Technologien eine neue Dimension erreicht. Und da das Werkzeug eines Politiker gerade darin liegt, für seine Themen eine möglichst große Aufmerksamkeit zu erhalten, mag man ihnen diese “Bissigkeit” fast verzeihen – wenn die Folgen nicht so gravierend wären.
Mit Folgen meine ich zum Beispiel diesen Ausspruch von Hans-Peter Uhl (CSU) über die ‘vorbildlichen’ Möglichkeiten, die uns China präsentiert. Er wird im Focus folgendermaßen zitiert:
Spätestens seit den Olympischen Spielen in Peking wisse man, was möglich sei: „Was die Chinesen können, sollten wir auch können. Da bin ich gern obrigkeitsstaatlich.“ (Quelle: http://tinyurl.com/3n2uwv)
Da bleibt mir die Spucke weg…
Die weltweite Nahrungsmittelkrise geistert seit Wochen durch die Medien. Zur Kenntnis genommen – beim nächsten Einkauf geschnaubt, dass ja wirklich einige Sachen teurer geworden sind. Das ist doch wirklich ärgerlich. Thema abgeschlossen, betrifft mich ja weiter nicht und man kann es sich ja leisten.
Dann kam diese Mail von meinem Bruder aus Lambarene/Gabun:
Ah, und dann gab es gestern auch kein Brot in Lambarene, weil das Mehl in Libreville so teuer geworden ist. Die Auswirkungen der gestiegenen Preise merkt man sofort. 1 Tag ohne Brot geht ja noch, aber wenn es Wochen werden, fände ich das nicht so cool, dann müsste man auf Reis umsteigen. Haben uns heute gleich ne ordentliche Ladung Baguette direkt von der Bäckerei abgezweigt, bin aber mal gespannt, wie es weiter geht.
Bis dann,
Wir sitzen alle im gleichen Boot? Klar, aber wir sitzen in Europa doch halt auf den oberen Decks, sodass das langsam eintretende Wasser erstmal unten wirken kann. Vielleicht fällt uns ja noch was ein, bis es oben ankommt. Oder das Problem löst sich von selbst? Was hoffen wir eigentlich?
Immerhin tun wir was: Mehr Entwicklungshilfe. Beruhigt das Gewissen ungemein. Morgen gehts dann unbesorgt auf eine Geburtstagsfeier – wir machen lecker Fleisch-Frikadellen für alle (als Beilage gibt es Brot).
Hier und hier hat sich eine unterhaltsame und sicherlich nicht zielführende Diskussion um das Milieu der “deutschen Spießer” entwickelt. Sind wirs, weil wir Bionade trinken, am Apple arbeiten und bei Manufactum einkaufen?
Bernie.1 trackbacked dazu schön:
Vor allem aber belegen Thema und Diskussion, dass der Kapitalismus auch von denen gestützt wird, die ihn ablehnen. Coca-Cola ist US-imperialistisch? Kaufen wir Thüringer Ökolimonade! BMW baut stinkende Managerprotzkarren? Bestellen wir den Prius!
Schön und immer wieder aufmerksamkeitserregend ist das zusammenstellen von Clischees in jedem Fall, wie auch Florian Illies erkannt hat und damit wahrscheinlich seinen Lebensunterhalt (Großraumlimousine, Reihenhaus, Hund ?) finanziert.