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Sechs Möglichkeiten, Lernende zu demotivieren

Dies ist ein Beitrag außer der Reihe. Ich möchte gerne den Aufsatz “Sechs Möglichkeiten, Lernende zu demotivieren” von Manfred Prenzel vorstellen. Es gibt gelegentlich Videos und Texte, die nachhaltig wirken und die man gerne weitergeben möchte. Der Text von Prenzel gehört für mich in diese Kategorie.

Der Text fiel mir während meiner Arbeit an der Uni Wuppertal in die Hände. Jetzt, nach den ersten Jahren Schulpraxis, hat sich gezeigt, welche Bedeutung er für mich und mein Verständnis als Lehrer hat. Der Gedankenganz von Prenzel mit seinen sechs Kategorien bietet Klarheit. Besonders interessant ist dabei sein Ansatz, der dem der üblichen Bücher über ‘Motivation im Unterricht’ entgegensteht: Er stellt keine Methoden zur Motivation vor. Prenzel sucht nach Wegen, die vorhandene Eigenmotivation der Lernenden zu schützen, indem er Aspekte der Demotivation benennt und diesen entgegenwirkt.

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Manfred Prenzel stellt zu Beginn fest:

“Trotz intensiver Anstrengungen ist es der modernen Motivationsforschung nicht gelungen, das Versprechen einzulösen, mit dem Comenius von 350 Jahren seine “Große Didaktik” begann. Bis heute warten Lehrende und Lernende darauf, zu erfahren, wie ohne Verdruss und unnütze Mühe, dafür in Freiheit und mit Vergnügen, all das gründlich gelehrt und gelernt werden kann, was für dieses und das künftige Leben nötig ist”. (Prenzel, a.a.O.)

Und gerade weil die Motiviation der Lernenden von den Lehrenden als besonders relevant angesehen wird, interessieren sich die Lehrenden in erster Linie dafür, wie eine “hohe Motivation” erreicht werden kann. Kaum ein Buch über Unterrichtsmethoden lässt in der Einleitung aus, dass die hohe Motivation der Schülerinnen und Schüler ein wesentlicher Bestandteil eines erfolgreichen Lernprozesses sei und dass die Motivation durch einen feinfühlig angeleiteten Methodenwechsel zu fördern sei.

Prenzel stellt jedoch klar, dass bisher nicht endgültig geklärt ist, wie “vergnügliches und gründliches Lernen erreicht werden kann”. Es sei daher nicht sinnvoll, ständig zu versuchen, Motivation zu initiieren. Vielmehr lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, wie man Lernende durch den schulischen Alltag nicht mehr als notwendig demotiviert, damit die eh vorhandene Motivation erhalten bleibt.

Nach Prenzel liegt eine Demotivation dann vor, wenn die “vorhandene Lernmotivation durch fremde Eingriffe oder Maßnahmen reduziert wird”. Er geht also davon aus, dass der Lernende an sich eine hohe Motivation in den Lernprozess mitbringt. Erst durch die Interaktion innerhalb der Lernsituation (hier im Besonderen: Unterricht) wird durch unterschiedliche äußere Einflüsse die Motivation reduziert. Verantwortlich dafür ist in den meisten Fällen das Verhalten des Lehrenden.

Dabei wird Motivation bei ihm sowohl von der Bedeutung der Lerninhalte für den Lernenden abhängig gemacht, wie auch von dem Grad der Selbstbestimmung während des Lernprozesses. Sind beide Parameter hoch, so bezeichnet er den Schüler als “interessiert”. Ist sowohl Selbstbestimmung wie die Bedeutung der Lerninhalte für den Lernenden gering, so haben wir es mit einem “amotivierten” Schüler zu tun. Da dies meist ein herbeigeführter Zustand ist, muss im Vorfeld eine Demotivation stattgefunden haben. Lehrende und Lernende kennen diesen Zustand gut.

1. Die Verantwortung der Lehrenden und die Autonomie der Lernenden

Durch die schulische Konstruktion hat der Lehrenden einen wesentlichen Einfluss für die Autonomie des Lernenden. Er trägt daher eine besondere Verantwortung. Anhand eines Experimentes zeigt Prenzel auf, dass gerade die Verantwortung, die sich die Lehrenden für den Lernprozess der Lernenden zusprechen, kontraproduktiv ist. Dies liegt daran, dass man in der Regel Produktorientiert denkt und ein festes Ziel vor Augen hat. Die Aussage “Du sollst” steht dabei den Lernenden im Wege, eigene Wege zu entdecken und unterschiedliche Lösungen zu finden. Tückisch ist das Setting gerade deshalb, weil es oft unbemerkt bleibt und die Beteiligten im festen Glauben lässt, man würde doch nur etwas Gutes tun. Die gefühlte Verantwortung des Lehrenden steht der Autonomie des Lernenden oft diametral gegenüber.

Schule sollte weniger kontrollieren, keine engen Vorgaben machen und weniger geführte Aufgaben stellen. Stattdessen sind Bedingungen herzustellen, die autonomes Lernen ermöglichen. Dies bedeutet in erster Linie, Wahlmöglichkeiten zuzulassen und Lernenden für individuelle (=unkonforme) Wege zu ermutigen.

Fazit: Lehrende sollten einfach versuchen, weniger absichtlich und mehr unabsichtlich zu handeln und darauf vertrauen, dass mehr vom Selben erreicht wird, wenn man nicht ständig glaubt, die Verantwortung übernehmen zu müssen. Denn Lernende erreichen die Ziele meist erfolgreicher durch weniger absichtsvolles Handeln der Lehrenden. Wer darin eine Paradoxie sieht, nähert sich dem pädagogischen Dilemma.

2. Struktur, Zieltransparenz und wahrgenommene Bedeutung

Lehren bedeutet immer, dass es eine bestimmte Zielorientierung gibt. Diese ist dem Lehren konstitutiv. Jedoch schließt ein Unterricht, der Ziele verfolgt, nicht die Autonomie des Lehrenden aus. “Ohne Wissen über Ziele und ihre Begründungen, über verschiedene Zugangsmöglichkeiten und deren Konsequenzen, ist eine Autonomie ein schönes, aber leeres Ideal.”

Prenzel arbeitet die Bedeutung der Zieltransparenz heraus. Lernende müssen die Wege kennen, auf die sie der Lehrende gerne schicken möchte.

In angeführten Studien (siehe Quellennachweis) wird gezeigt, dass viele Lehrende ihre Ziele im alltäglichen Unterricht oft nicht offenlegen. Prenzel stellt dazu drei Theorien auf, warum dies der Fall ist:

  1. Lehrende wollen schnell zur Sache kommen und keine Zeit damit vergeuden, Inhalte und Ziele zu begründen, die eh nicht zur Diskussion stehen.
  2. Die Sinnbezüge liegen aus Sicht der Lehrenden eh “auf der Hand”.
  3. Wenn man Lehrziele durchdenkt, kann es dazu führen, dass die inhaltlichen Bezüge schnell über den “Tellerrand der eigenen Lehrveranstaltung” hinausgehen und damit ein Legitimitätsproblem herbeiführen können.

Informierende Unterrichtseinstiege sind eine Möglichkeit, für diese Transparenz zu sorgen. Dies reicht alleine jedoch nicht aus, wenn der Bezug bzw. die Bedeutung für die Lernenden für sich selber nicht ersichtlich ist.
Im weitesten Sinne wird hier die “Sinn-Frage” angeschnitten, zu der es bei Lisa Rosa ein Interview [PDF] mit Rückheim und Erdmann gibt.

3. Anpassung der Lehre an das Niveau der Lernenden: Instruktionsqualität

Prenzel unterscheidet zwei Stufen von Lernzielen:

  • höhere Lernziele -> Verstehen
  • niedere Lernziele -> Faktenwissen, Grundfertigkeiten

Durch niedere Lernziele werden Lernende deutlich mehr demotiviert als durch höhere Lernziele. Das problemlösende Lernen, bei dem man selber nachdenken und neue Wege finden kann (und muss), führt zu mehr Motivation.

4. Fehlendes Zutrauen und mangelnde Kompetenz

Lehrende kontrollieren viel. Oft sehr viel mehr als sie müssten. Wie schon im ersten Punkt (Autonomie des Lerners) angesprochen, ist oft das fehlende Vertrauen in die Lösungskompetenz der Lernenden die Ursache. Daher sollten Lehrende Vertrauen in die Kompetenzen der Lernenden entwickeln und nicht jeden Arbeitsschritt, jeden kleinen Weg kontrollieren, bewerten und reflektieren. Prenzel merkt an, das hier im besonderen Maße eine Attribution nach Geschlechtszuordnung vorgenommen wird. Dies betrifft beispielsweise die naturwissenschaftlichen Fächer, in denen “erfahrungsgemäßt die Jungen einfach besser sind”. Bei den Mädchen führen Rückmeldungen dann zu keiner hohen Motivation, die mit “Schön, dass Du es geschafft hast…” beginnen. Auch positiv gemeinte Rückmeldungen können je nach Kontext und Bedeutung demotivierend wirken.

5. Soziale Einbindung: gehören Lernende auch dazu?

Lernende und Lehrende bilden eine Gemeinschaft. Viel zu selten gibt es das Bewusstsein, dass es eine gegenseitige Abhängigkeit gibt, die gepflegt und genutzt werden kann. Gegenseitige Partizipation an Überlegungen und in Gesprächen gehören ganz zentral dazu.

Motivational vorteilhaft ist, dass durch eine intakte Kollaboration innerhalb der Lehr-Lern-Gruppe das Bedürfnis nach sozialer Integrität gestärkt wird. Das Gefühl, dazu zu gehören und gebraucht zu werden, hat einen große Bedeutung für meine Motivation und damit für das Selbstverständnis, mit dem ich in einem sozialen Gefüge interagiere.

6. Was interessiert den Lehrenden der Lehrstoff?

Wenn Lehrende ihren Lehrstoff selber nicht sonderlich interessant finden, sondern vor allem die Lehre über eine geschichtliche Notwendigkeit argumentieren oder “weil es eben im Lehrplan steht”, dann kann nach Prenzel auch die Motivation der Lernenden nicht hoch sein. Man könnte auch sagen:

Die Motivation des Lehrenden kennzeichnet die maximale Motivation der Lernenden.

Demotivierend für eine Lernsituation ist, wenn der Lehrende das Gefühl vermittelt, die eigene Zeit zu vergeuden und kein Interesse zeigt. Was ist aber mit den Lehrenden, die jedes Jahr aufs Neue einen Lerninhalt wieder und wieder durchnehmen müssen? Prenzel gibt den Tipp, dass man den Lehrnstoff aus den Augen der Lernenden sehen sollte und so immer wieder neu entdecken kann. Der Rollenwechsel tut sein übriges, um das Verständnis für die Situation der Lernenden zu stärken.

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Wenn ich nun versucht habe, wesentliche Gedanken von Prenzel zusammenzufassen, dann ist dies sicherlich nur unzureichend gelungen. Dies betrifft besonders die Beispiele und Untersuchungen, die er zur Untermauerung seiner Thesen aufführt.

Es sei daher unbedingt empfohlen, in der nächsten Bibliothekt nach dem Buch zu suchen und sich die Seiten zu kopieren. Leider ist der Artikel bisher nicht digital veröffentlicht worden.

Quelle:
Manfred Prenzel Sechs Möglichkeiten, Lernende zu demotivieren
(in H. Gruber & A. Renkl (Hrsg.): Wege zum Können. Determinanten des Kompetenzerwerbs. Bern, Verlag Huber, 1997)

Was Menschen motiviert

via: bestofyoutube (http://bit.ly/d5fVOa)

1. ADZ Barcamp 2010 in Köln

Am Wochenende hat in Köln an der iFK eine Konferenz stattgefunden, die ich mir in dieser Form schon lange gewünscht habe. Die mit Erfahrung und Ideen voll bepackten “Reformpädagogen” aus dem ADZ Netzwerk sind auf Personen getroffen, die sich bisher vor allem auf BarCamps und EduCamps herumgeschlagen haben.

Das konnte nur spannend und reibungsvoll werden; und wurde es auch und das war gut so.

Ich habe an folgenden Sessions teilgenommen:

  • Die Blogschule
    Die KAS (in Person von Roman Deeken und André Spang) hat ihr Blog-Projekt, welches zuletzt auch auf der re:publica für Aufsehen sorgte, vorgestellt. Die scheinbare “Dramatik”, die sich hinter der Einführung von Blogs in den Unterricht und in die Schulorganisation verbirgt, war mir im Vorfeld nicht so bewusst. Dass dieser Prozess nur mit einer Öffnung einher geht, ist verständlich. Ebenso, dass sich Lehrenden eine Öffnung oft nur ungern aussetzen und gerne kontrollieren, bewerten und alles im Überblick behalten wollen. Dass die Diskussion in einer Phase der Session aber so fundamental geführt wurde, hat mich doch erstaunt. Dank einer feinfühlenden Moderation (@ViktoriaHD) ist die Grundsatzdebatte zum Glück (?) nicht vollständig ausgebreitet worden, sodass man zurück zum Thema gekommen ist: praktische Beispiele für den Einsatz im Schulalltag.
  • Alternative Bildungsabschlüsse
    Scarlett Schenk hat ihre Gedanken und Ideen zu alternativen Bildungsabschlüssen vorgestellt. Brauchen wir noch das Abitur? Ist das nicht viel zu einseitig? Können wir das Abitur abschaffen, um individuellere Abschlüsse zuzulassen und aufzuwerten? Brauchen wir überhaupt Abschlüsse für eine Schule? Welche Möglichkeiten gäbe es noch, schulische Leistung zu begrenzen oder zu zertifizieren?
    Die Diskussion war vor allen Dingen nach der ersten Session gut, weil man sich angenähert hat an die bestehende Stuktur von Schule und diese – wenn nicht gänzlich, so aber doch in Ansätzen – in Frage stellen konnte. Es hat sich eine nachdenkliche Diskussion entwickelt. Leider war die Dokumentationskultur der Sessions noch nicht so ausgeprägt, dass die Ergebnisse nachlesbar wären.
  • Web 2.0 in der Schule
    Auf eine Anregung im Plenum hin habe ich Tools vorgestellt, die ich im Unterricht und in der Zusammenarbeit mit anderen Kollegen/innen einsetze. Dabei haben vor allen Dingen Doodle und GoogleDocs großes Interesse geweckt. Besonders die Idee, über Doodle die Elternsprechtage zu organisieren.
  • Wie können digitale Medien neues Lernen fördern?
    Direkt im Anschluss an die Session zu den Web 2.0 Tools hat Guido Brombach über die neue Lernkultur gesprochen, die durch digitale Medien nötig wird (Präsentation bei Prezi.com). Ausgangspunkt war der Film “Information R/evolution” von Michael Wesch. Durch diese Session wurden die Tools, die vorher nur angerissen wurden, in einen größeren Zusammenhang gestellt.
    Guido Brombach formulierte sieben Thesen zum Einsatz von digitalen Medien in der Bildung:

    • Der Einsatz digitaler Medien verlangt einen turn-around weg von der Frontalpädagogik
    • Medienkompetenz heisst, die digitalen Medien gestaltend und kooperativ nutzen zu können
    • Nicht die Anhäufungvon Wissen, sondern der Prozess seiner Konstruktion ist entscheidend
    • Wissen vermehrt sich bei der Nutzung, aber nur wenn es lizenzoffen zur Verfügung gestellt wird
    • Lernen braucht Alltagsrelevanz
    • Lernen heisst forschen und entdecken am Einzelfall, Reflexion und dann Induktion
    • Lernen geschieht alleine, die Konstruktion von Wissen ist immer Teil eines sozialen Prozesses
  • Lernen und Wissenschaffen
    Kurzversion einer ausgesprochen intensiven Session: Welt erschließt sich immer aus einer bestimmten Perspektive. Diese Perspektive – nennen wir sie “Brille” – umfasst auch immer eine bestimmte Wahrheit. Konflikte und Krisen entstehen oft daraus, dass man die “Wahrheit” des anderen nicht anerkennt. Bedeutet dies, dass die Formulierung der Relativität keinen eigenen Standpunkt mehr zulässt und alles im Ungewissen hält? Oder ist durch die Bewusstwerdung der anderen Sicht auch eine Reflexion auf die eigene, bevorzugte “Brille” möglich? Wann und zu welcher Zeit sind Modelle als Gegenstand mit den Schülerinnen und Schülern zu thematisieren? Ist es eine Aufgabe der Sekundarstufe I oder erst für die Wissenschaftspropädeutik der Oberstufe?
  • Lernbüro & kursinterne Differenzierung
    Dorothea Vielmetter stellt die Lernbüro vor. Die iFK hat in den Fächern Deutsch und Mathematik Lernbüros installiert, die der Idee nach den Konzepten der MBS in Hamburg angelehnt sind. Ausführliche Notizen dazu wurden während der Veranstaltung in das gemeinsame GoogleDocs eingepflegt. Bitte dort bei Interesse nachlesen.
  • Experimentelles Lernen
    Abschließend gab es eine Session über die Erfahrungen, wie sich Schulen auf den Weg machen, um – nicht nur im Unterricht, sondern auch als Organisation – Lernen als Experimentieren zu begreifen. Angelehnt waren die Thesen in meinem Verständnis an das Prinzip “always beta“, welches man auch als Schule begreifen und im Alltag umsetzen muss. “Einfach mal probieren….!”
    Während der Session habe ich folgendes getwittert und würde es als Fazit stehen lassen: “Ein neues Lernen stellt Kontrolle und Beweisbarkeit grundlegend in Frage. Bildung ist frei und verbindet sich mit dem Leben.”

Neu bei Twitter sind nach dem Treffen folgende ADZler/innen:ViktoriaHD, ScarlettHMiro, Flora298, Steffifk, rpifk, peace2blossom.

(Hinweis: Dies ist kein Bericht oder eine Zusammenfassung der Diskussionen der Tagung, sondern eher eine kleine Notiz meiner ersten Eindrücke)

Zitate eines Schülers

Folgende Zitate sind frei wiedergegeben und stammen aus einem Gespräch mit einem 8-Klässler. Er geht an eine Realschule in einer größeren deutschen Stadt. Das Gespräch war eigentlich ganz familiär gestartet und wurde für mich im Verlauf irgendwie ein Härtetest…

Experimente können wir in Chemie nicht machen. Wir sind zu unruhig. Der Lehrer muss immer erstmal gelbe Karten ziehen, danach ist keine Zeit mehr.

Pflanzen können wir nicht ins Schulhaus oder in die Klassen stellen. Die würden von den Mitschülern sofort kaputt gemacht werden.

Ich habe eine 4, weil mich der Lehrer nicht so gerne mag – glaube ich.

Ich schaue den Lehrer mit offenen Augen an, damit er sieht, dass ich aufmerksam bin. Verstehe aber irgendwie nicht, worum es geht.

Von einer Lehrerin, mit der sich viele gestritten haben – aber ich nicht – habe ich eine 2 bekommen.

Unsere Lehrer schreien oft. Müssen sie auch. Was sollen die sonst machen, wenn 8-Klässler Stühle kaputtmachen und aus dem Fenster schmeißen?

Der Lehrer hat mir die Bilder für meinen Vortrag über die Regierung in Deutschland schon gegeben. Ich muss jetzt eine Präsentation daraus bauen. Reichen vier Bilder auf einer Folie?

Der Lehrer hat die Klasse nicht unter Kontrolle.

Jeder Lehrer hat eine gelbe und eine rote Karte. Bei rot muss man rausgehen – gelb ist eine Vorwarnung (Anm.: Es ging – wie sich herausstellte – um das Trainingsraumkonzept….).

Wie? An Gesamtschulen arbeiten Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten gemeinsam in einer Klasse? Geht das denn überhaupt?

Bei den Lernstandserhebungen in Englisch habe ich eine vier geschrieben. Damit kann ich dann wohl den Schulwechsel vergessen.

Bilder vom Schulhof wurden gezeigt. Eingemauertes Gelände – voll versiegelt. Grau in grau.

Ich denke, es gibt im Kleinen jede Menge Potential, Schulen auf einen besseren Weg zu bringen; auch ohne Neubauten und radikale Reformschulen.
Fangen wir bei der inneren Einstellung an, mit der Lehrende und Lernende das Schulhaus betreten. Setzen wir Verantwortungsbereitschaft und gegenseitiges Vertrauen als oberstes Ziel. Erzwingen wir nichts, sondern versuchen zu erklären. Nehmen wir uns Zeit, Sinnhaftes zu entwickeln.

Als ersten Schritt besorge jede/r – sofern noch nicht geschehen – für ihre/seine Klasse eine Pflanze und stelle diese auf einen kleinen Tisch mit Tischdecke. Einfach mal so.

Lernen und Sinn

”Warum müssen wir diesen (anstrengenden, langweiligen, …) Stoff lernen?”  fragen die Schüler. Und das System antwortet: “Weil es gut für euch ist, weil ihr es später – im richtigen Leben – brauchen werdet, weil wir es euch so sagen, weil es im Lehrplan steht …)”.

Und dann werden “Leistungsvereinbarungen”, “Lernzielvereinbarungen” usw. mit den Schülern geschlossen wie ein Vertrag, in dem sich die Lernenden verpflichten, “Verantwortung für ihr Lernen” zu übernehmen,  d.h. für Lernziele, die ihnen verordnet werden zusammen mit ihrer angeblich unstrittigen gesellschaftlichen Bedeutung.

An dieser Stelle nur ein Verweis auf den Beitrag von Lisa Rosa zum Thema Lernen und Sinn: http://shiftingschool.wordpress.com/2010/03/04/lernen-und-sinn/

Was Schule von Palomar5 lernen kann

Am Dienstag hat in Stuttgart der vierte nationale IT Gipfel stattgefunden. Dies wäre für mich nicht weiter bedeutend gewesen, wenn am Tag zuvor nicht ein von DNAdigital initiierter OpenSpace stattgefunden hätte. Das Thema lautete: Vom Bildungssystem von heute zur lernenden Organisation von morgen.

In einer der Arbeitsgruppen, die sich aus den Initiativen “Neugierde nutzen”, “selbstlernen cleverle” und “Lernen ohne Lehrer” spontan assoziiert hatte, hat sich eine spannende Kombination bei den Teilnehmer/innen ergeben, da wir neben interessierten Bildungsbegleiter/innen mit Jonathan Imme einen der Initiatoren von palomar5 dabei hatten. Aus der lebhaften Diskussion um Schule und ihre möglichen Ausgestaltungen kristallierten sich am Ende folgende 14 Thesen heraus, die ich hier kurz kommentiert wiedergeben möchte:

  1. Feedbackkultur statt Noten
    Noten sind ein Selektionsinstrument und lenken den Blick vom eigentlich Gegenstand weg. Bei Palomar5 hatte man als externen Motivationsmoment kurzzeitig “Geld” eingeführt. Nach wenigen Tagen hat man sich von dieser Idee wieder verabschiedet, da die tägliche Ausschüttung für den besten “Projektfortschritt” hemmende Neiddebatten hervorbrachte. Die sachorientierte Auseinandersetzung und Hilfe stellte sich nach Abschaffung des Geldes wieder ein.
  2. Freiräume schaffen, Zeit geben
    Um Ideen und Gedanken nachzugehen brauche ich Platz und Zeit. Das Arbeiten in engen Räumen ohne Ausweich- und Rückzugsmöglichkeiten hindert den kreativen Gedanken.
  3. Heterogene (Lern-)Gruppen mit hoher Expertise
    Als besonders positiv wurde bei palomar5 die hohe Heterogenität der Teilnehmer empfunden – sowohl hinsichtlich der kulturellen Hintergründe als auch in ihren Fähigkeiten. Heterogenität schafft Kooperation.
  4. Künstlerisches Schaffen darf kein Schulfach sein
    Die Visualisierung (von Projektideen) dient dazu, Abstand zum Gegenstand zu gewinnen und Kritik nicht als persönlich, sondern sachorientiert zu begreifen. Kunst, Gestaltung und Kreativität haben bei jeder Tätigkeit eine besondere Bedeutung, die in der Schule oft in das Fach “Kunst” gesteckt und damit aus den anderen Fächern “mit gutem Gewissen” verbannt werden kann.
  5. Lernräume selber gestalten
    Arbeitsräume (Klassenzimmer) müssen von den in ihnen arbeiteten Menschen (Schülerinnen und Schüler) aktiv mit gestaltet werden können. Lernen geschieht immer in gestalteten Umgebungen. Nicht umstonst wird der Raum auch als der dritte Pädagoge bezeichnet (1. Mitschüler, 2. Lehrer, 3. Raum).
  6. Verantwortung (wirklich!) delegieren
    In erfolgreichen Unternehmen und Projekten wird Verantwortung delegiert – echte Verantwortung mit Entscheidungsbefugnissen. Dies gilt nicht nur für die Schulorganisation zwischen Schulleitung und Kollegium, sondern auch zwischen Lehrenden und Lernenden.
  7. Fehlerkultur schaffen
    Fehler sind keine Fehler. „Fehler gehören zur Kultur der Innovation – Wenn man das akzeptiert, wird man stärker.“ (Albert Yu)
  8. Keine Zeittaktung
    Viele, die nicht mehr aktiv die Schule besuchen, mögen es kaum für möglich halten. Aber in der Schule findet das Arbeiten immer noch in einem getakteten Rythmus statt (45, 60, 90 Minuten oder in anderen Erscheinungsformen). Keiner hat mir bisher erklären können, wo diese Einteilung herkommt. Es scheint ein Mysterium.
    Unter solchen Bedingungen spielt es für Lernende keine Rolle, ob sie sich in ein Thema hineingefressen und möglicherweise gerade einen Flow haben. Ja,  selbst wenn man kurz vor dem casus knaxus steht, gilt: Wenn es klingelt wird den SchülerInnen eine Zwangspause verordnet, aus der sie nach kurzer Zeit pünktlich zurückgerufen werden. Natürlich wird danach nicht weiter am letzten Thema gearbeitet, sondern das neue, jetzt wichtigste Fach, kommt auf den Tisch.
    Unter diesen Bedingungen wundert es nicht, dass SchülerInnen schnell die eigene Motivation ausblenden. Was bringt es schon, wenn man am Ende doch durch das Klingeln nicht zu Ende denken darf.
  9. Keine no-go areas (Lehrerzimmer für alle öffnen)
    Lehrerzimmer sind die Räume innerhalb der Schule, in der Lehrer neben der Unterrichtstätigkeit selber arbeiten – auch quatschen, sicherlich. Warum teilen wir uns nicht die Zimmer, schaffen neue Ruheräume und ermöglichen so allen Schulmitgliedern eine vertraute gemeinsame Zusammenarbeit?
  10. Sinnstiftung “machen”
    Die Frage nach dem Sinn wird für die Schule zukünftig eine entscheidende Rolle einnehmen. Die Frage nach dem “Warum” kann und darf nicht weiter über Verweise auf Vorgaben und Richtlinien beantwortet werden.
    Bei Lisa Rosa gibt es zum Thema “Sinnstiftung” ein gutes Interview: “Sinnbildung lernen”
  11. Offene, personalisierte Curricula
    Wenn “Sinn” an Bedeutung gewinnt, müssen auch die eigenen Interessen eine größere Rolle spielen. Dem kann man nur begegnen, indem man die Curricula an den Schulen öffnet. Palomar5 hat keine Projekte vorgeschlagen, sondern ein Thema gesetzt, auf welches die Teilnehmer mit unterschiedlichen Antworten reagiert haben. Die Ergebnisse sind nicht einheitlich und alle hoch ambitioniert.
  12. Leitfragen statt Fächer
    Wenn die Arbeit mit Leitfragen so gut funktioniert (was man in den Projektwochen an den Schule selber erlebt, die Erfahrung aber oft nicht mit in die “normale” pädagogische Praxis überträgt): Warum bauen wir die Struktur von Fächern nicht um Projekte und Themenfelder herum neu auf? Ist das streng disziplinäre Denken noch aktuell? Kann man eine kritische Wissenschaftlichkeit nicht auch Projektbezogen verwirklichen?
  13. Lehrer als facilitator – Lehrer als Netzwerkmonster
    Lehrer müssen Räume vorbereiten, Lernprozesse vorausahnen und Werkzeuge bereit halten, wenn diese angefragt werden. Dazu reicht oft nicht mehr eine einzelne Person aus. Es bietet sich an, wenn der Lehrer eingebunden ist in ein großes Netzwerk, aus dem er spontan Resourcen abgreifen kann (und natürlich auch selber für Verknüpfungen zur Verfügung steht). Als humaner Resourcepool reicht in einer vernetzten Welt das Kollegium der Lehrenden nicht mehr aus.
  14. “show ´n tell” – kooperativer Umgang zwischen allen Mitgliedern
    Bei Palomar5 gab es regelmäßig “reality checks” und allabendlich kurze Präsentationen über den aktuellen Fortschritt. Keiner arbeitet für sich alleine, jeder kann an den Erfolgen und Arbeiten der anderen partizipieren. Dieser ehrliche, offene und kritische Umgang untereinander muss auch zwischen allen an der Schule lebenden Menschen größere Bedeutung gewinnen.

Stellwand

Rückblickend habe ich festgestellt, dass einige der Thesen so nahe beieinander liegen, dass man sie besser zusammenfassen sollte. Dies kann man noch tun. Jetzt war es mir ersteinmal wichtig, die Ergebnisse zu dokumentieren. Weiteres vielleicht später…

Anmerkung:
Palomar5 ist ein Projekt, welches vor zwei Wochen in Berlin zu Ende gegangen ist. Knapp 30 Jugendliche im Alter von 19 – 30 Jahre haben über sechs Wochen an der Frage gearbeitet “Wie wollen wir in Zukunft arbeiten”. Während der Zeit waren alle Teilnehmer in der Malzfabrik in Berlin untergebracht und haben von den Organisatoren (fast) alle Wünsche hinsichtlich Material, know-how und Expertise erfüllt bekommen. Mehr zu Palomar5 findet sich auf der Webseite http://palomar5.org

Das Dilemma des Unterrichts

Meine tägliche Arbeit gleicht einem Paradoxon: Ich gehe in der Tat jeden morgen wieder in ein Gebäude namens Schule, um dort die Schülerinnen und Schüler zur Freiheit zu erziehen. Ja, ich erziehe zur Freiheit. Alles, was ich mir unter Bildung und Erziehung in der Schule ausmale, hat am Ende das Ziel, einen mündigen und freien Menschen zu formen.

Und deshalb bin ich immer ein wenig stolz auf mich, wenn ich methodisch-didaktisch so vorgearbeitet habe, dass ich sagen kann: ‘Ihr dürft Euch jetzt frei entscheiden, was ihr machen wollt’.

Unglaublich? Es geht, wenn man es lange genug probiert und damit leben lernt. Ich kann das sogar inzwischen ganz flüssig und ohne ironischem Lächen sagen: “Entscheide Dich jetzt frei, wie es weiter geht!”

“Jetzt” – “entscheiden” – “frei”.

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Menschen sind selbstreferentielle, autopoietische und operativ geschlossene Systeme. So lehrt es uns die Systemtheorie. Man könnte auch einfach sagen: Sie sind “schwarze Kisten”, die für Außenstehende – und auch für sich selber – nicht voraussehbaren Output liefern. Sie sind Sinnmaschinen und arbeiten nur nach ihren eigenen Mustern (Kommunikation).

Wenn die Prognose eines bestimmten Outputs bei einer solchen Maschine nicht möglich ist und ich unterstelle, dass auch Menschen solche “schwarze Kisten” sind, dann muss dies auch für Schüler/innen und Lehrer/innen gelten.

In der Schule sitzen sich also viele schwarze Kisten gegenüber, die sich nur darin unterscheiden, dass eine Kiste innerhalb des Klassemraumes sitzt, die schon etwas älter ist und sich daher die Aufgabe gegeben hat, den anderen Kisten etwas von ihren Erlebnissen und ihrem “Wissen” zu geben. Leider wissen die anderen Kisten nichts davon und sind immer furchtbar irritiert, wenn da “von außen” wieder jemand an ihrer Hülle kratzt und sich gerne mit ihnen verbinden möchte (strukturelle Kopplung).

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Die Pädagogik hat nach Niklas Luhmann ein Technologie-Defizit. Damit meint Luhmann, dass der Pädagogik kein Instrument, kein Werkzeug zur Verfügung steht, um ihr eigentliches Ziel zu erreichen. Das Ziel ist die gut gemeinte Übertragung von Wissen und Verhalten. Man könnte auch sagen: Erziehung ist die absichtsvolle Sozialisation mit dem Ziel, etwas “Gutes” zu schaffen.

Wenn es also darum geht, jemand anderen zu etwas “Gutem” zu erziehen, so muss es in der Konsequenz im Verhalten des Anderen auch “falsches” Verhalten geben. Es ist demnach definiert, welches Verhalten als “gut” und welches als “schlecht” angesehen wird. Ziel der Erziehung ist es nun, das richtige Verhalten zu fördern. Dafür braucht es neben der Unterscheidung von richtig und falsch auch noch die Sicherheit, dass etwas auch beim nächsten Mal noch richtig ist (zum Beispiel bei einem Aufsatz).

Diese Annahmen führen dazu, dass wir uns den Anderen als “Trivialmaschine” vorstellen müssen:

Trivialmaschinen sind solche, die auf einen bestimmten Input mit Hilf einer eingebauten Funktion (der »Maschine») einen bestimmten Output produzieren. Ein anderer Input würde, sofern im Resonanzbereich der Maschine liegend, zu einem anderen Output führen. 2 mal 2 ist ….. 4; 2 mal 3 ist …… 6.
(Luhmann, Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 76 ff.)

Spätestens hier wird der Pädagoge hellhörig und das Dilemma offensichtlich. Wenn ich, in guter Absicht, einen anderen Menschen zu etwas erziehen möchte, was ich für “gut” halte, so muss ich ihn in seiner Freiheit einschränken und als Trivialmaschine annehmen.

Die Erziehung hat aus diesem Dilemma des Technologiedefizits nach Luhmann kurzerhand ein Technologie-Verdikt gemacht. Es fehlt ihr nicht nur eine Technologie, sondern sie möchte sie auch nicht haben! Der Grund liegt auf der Hand: Habe ich eine Technologie, so muss dieses bei Anwendung eine gewollte Veränderung in der Umwelt hervorrufen. Dies wäre so, wie wenn ich den Hammer nutze um einen Nagel in die Wand zu treiben. Würde der Hammer nicht funktionieren, würde ich ihn als solchen nicht einsetzen.

Dies bedeutet:

  • Sehen wir die Menschen als Trivialmaschinen, die in Form von Schülern durch den Lehrer trainiert werden, so widerspricht dies jedem pädagogischen Bauchgefühl von Freiheit und Aufklärung.
  • Sehen wir die Menschen als schwarze Kisten, so müssen wir jede absichtsvolle  Intervention als im hohen Maße zum Scheitern verurteilt annehmen.

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Wie entkommt man diesem Dilemma? Wie kann ich Unterricht trotzdem immer wieder wagen? Wie kann ich Methoden (Technologie) weiterhin im Unterricht einsetzen?

Ein möglicher Ansatz ist, dass man sich ganz auf die Selbstorganisation der Systeme verlässt. Ein nicht-triviales System wird sich, wenn es mit trivialen Anforderungen konfrontiert wird, als triviales System zeigen. Als Lehrer kann ich diesen Umstand zur Kenntnis nehmen und den Unterricht nicht zielgerichtet, sondern prozessorientiert strukturieren. Es geht weniger darum, “WAS” in die schwarzen Kisten hinein kommt, sondern dass die schwarzen Kisten über die Unterrichtsmethoden ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern und Kompetenzen erlangen, ihre eigenen inneren Lernprozesse (Kommunikation, Reproduktion) anzupassen.

Der Lehrer ist in dieser Rolle ein Coach, der die Prozesse begleitet und immer wieder strukturierte Umwelten anbietet, an die sich Lernende andocken können.

Ich verhelfe ihm zu Erfolg, dafür bin ich da.
(Darren Cahill, Coach von Andre Agassi)

Twitter im Unterricht: Nein, bitte nicht!

Wir versuchen wieder, neue Technologien in ein System zu drücken, das dafür nicht geschaffen ist. Mit der Überlegung von Twitter im Unterricht reduzieren wie nicht nur Twitter in seinen Möglichkeiten enorm, sondern überstrapazieren auch die Schule in ihrer derzeitigen Struktur (was natürlich durchaus wünschenswert sein kann).

Twitter_Was tust du

Twitter ist ein “Was tust Du gerade” Dienst, der sich in den letzten Monaten verstärkt als politisches und persönliches Sprachrohr entwickelt hat.

Das, wofür man Twitter jedoch in der Schule einsetzen möchte, wie zum Beispiel hier bei LehrerOnline vorgeschlagen, ist nichts anderes als ein Chat. Warum dann nicht direkt auf dieses Medium setzen? Vorteil: Man muss sich nicht anmelden (natürlich anonym! ist ja Schule und wir müssen die Schüler schützen) und braucht sich nicht mit sowas seltsamen wie Hash-Tags auseinanderzusetzen, die dann ggf. sogar noch doppelt verwendet werden und Irritationen schaffen. Immerhin soll Twitter ja innerhalb des Klassenzimmers bleiben.

Solange wir inszenieren ist die Thematisierung im Unterricht immernoch ein gutes Mittel, um den Schülerinnen und Schülern die Lust an einem Werkzeug zu nehmen.

Lasst also Twitter, solange es die Twitterer selber nicht richtig verstehen, aus den Schulen raus. Nutzt Chats für das Feedback und die zeitlich begrenzte Kommunikation im Klassenraum. Das ist einfacher. Allerdings gewinnt man dabei auch bei keinem Bingo.

Kristallisationspunkt für das Posting ist der Beitrag von Melanie, mit dem Titel “Ist Twitter für den Unterricht geeignet?”. Dort hat sich eine spannende Diskussion ergeben.

Shift happens

Das Video ist von 2007. Und obwohl es so alt ist lohnt es sich immer wieder – auch wenn es irgendwann nerven sollte – Geschichten wie diese anzusehen.

Welche Aufgabe hat Schule?
Geht es um die Tradierung von Wissen nach klassischer Vorstellung?
Geht es um Erziehung, die nicht mehr im doppelt-berufstätigem Elternhaus vollzogen wird?
Geht es darum, die Schüler/innen im Umgang mit Tools der Kommunikation fit zu machen (“Web 2.0″)?
Oder geht es um Grundlagen und Einblicke in das, was war, um die Zukunft zu gestalten?
Was ist mit Büchern – spielen diese noch eine Rolle? Oder machen wir in Zukunft nur noch Wiki?
Was ist mit geschützen Räumen, in denen man König sein darf (Kinderzimmer)?
Wie bildet sich ein kritischer Geist?

Bevor ich die Fragen vertiefe mache ich lieber für morgen mal den Unterricht fertig und bringe den Schülern bei, wie man das MWG in Gleichgewichtsberechnungen nutzt. Das braucht man.

Schnelles Feedback einholen

GoogleDocs bietet seit einiger Zeit die Möglichkeit, Umfragen zu erstellen und in der Tabellenkalkulation auswerten zu lassen – auch ohne dass der Besucher einen Google Account hat.

Diese Funktion bietet sich vor allem für schnelle Feedbacks an, die nicht über lange Zeit laufen und einem kleinen Benutzerkreis zugänglich gemacht werden sollen. 

“Lernen heute” hat die Funktionen für den Einsatz in der Schule vorgestellt:

Ruck-Zuck Feedback mit Google Text und Tabellen.

Wer kann es denn? Umgang mit digitalen Medien.

Die Schülerinnen und Schüler sind digital naives, die Lehrenden können es auch nicht besser. Wer kann es denn?

Wir befinden uns in einem Transformationsprozess. Die Gesellschaft hat da etwas Neues entdeckt und stürzt sich nun auf die Suche, irgendwelche Handlungsmuster herauszuarbeiten, wie damit umzugehen sei. Für die Schule ist dabei die zentrale Frage: Wer ist der Wissende?

Genau in dieser Frage könnte sich aber eine Bruchstelle finden, die das alte Wissens-Paradigma (begrenzt, geschlossen) vom neuen (unendlich, offen) trennt. Es geht nicht mehr darum, wer die Fakten weiss. Das zählte früher.

Das Wissen ist heute nicht mehr begrenzt, sondern steht allen uneingeschränkt offen. Merkbar wird das zum Beispiel in der Schule, wenn einem ein Schüler der 5. Klasse kurzerhand erklärt, wie das mit den Atomen in der Chemie so sei (Lehrplan: 8. Klasse). Er hat sich selber informiert und war nicht auf die Rationierung durch den Lehrenden angewiesen.

Es zählt nicht mehr das Wissen an sich, sondern die Kompetenz, wie man für sich selber in einem Neuronenstrom Orientierung finden kann.

Dynamische Vorlesung

Die dynamische Vorlesung von Prof. Jean-Pol Martin ist inzwischen stark gewachsen. Ich möchte die Gedanken hier im Blog nicht erneut aufgreifen (kommentiert habe ich dort bereits), sondern einfach dem geneigten Leser, der Interesse am Lernen, der Schule und der Weltverbesserung hat, freundlich darauf hinweisen.

Wo sonst hat man – befreit von CPs und Vorlesungszeiten – die Gelegenheit, sich weiter kritisch mit seinem schulischen Handeln auseinanderzusetzen. Es lohnt sich.

Die dynamische Vorlesung.

Was wäre wenn: Stundenplan

Hatte mir vor knapp einem Jahr mal überlegt, wie man eigentlich einen “Stundenplan” gestalten könnte, bei dem ich als Schüler selber gerne mitmachen würde und dem ich auch aus der Sicht des Lehrers etwas abgewinnen könnte.

Einige Ideen kamen – meine ich mich zu erinnen – aus den Lernbüros der MBS, die wir auch für unseren Chemieunterricht (Kursinterne Differenzierung | KiD) aufgegriffen haben.

Utopie und Spinnerei? Sicher. Aber warum nicht mal drüber nachdenken.

Wie sähen denn die Stundenplan-Utopien von Euch aus? Bin neugierig.

Science on stage

Vom Donnertag bis Sonntag der kommenden Woche (23.10. – 26.10.) findet in Berlin das “Science on Stage Festival 2008” statt. Der Kongress wird sich unter anderem mit der Frage beschäftigen: Alleinunterhalter oder Moderator? Der Nawi-Lehrer von morgen.

Wir haben uns von der Gesamtschule-Barmen mit dem seit einem Jahr laufenden Projekt “KiD – Kursinterne Differenzierung im Chemieunterricht” beworben und sind eingeladen worden, das Konzept dahinter vorzustellen und dabei vor allem auf die neue Rolle des Lehrenden einzugehen.

Mit einer im Projektantrag verbrieften Differenzierung in zwei Leistungsniveaus – die auch auf dem Zeugnis ausgewiesen werden – kann die Rolle des Lehrenden nicht mehr so zentral sein kann wie man das von klassischen Unterrichtsformen oft gewohnt war. Wir agieren mehr als Arrangeure, bereiten das Lernumfeld vor und stehen während der Arbeit den Lernenden mit Rat zur Seite.

Bei dem Projekt hat sich für uns selber deutlich gezeigt, wie wichtig im Schulalltag die gemeinsame Arbeit in einem Team ist. Trotz aller Zeit, die die Planung verschlingt, bringt es am Ende ein Mehr an Spaß bei der Arbeit. Und im weiteren Verlauf ergibt sich auch wieder eine Zeitersparnis, da man die gemeinsamen Arbeitswerkzeuge mit neuen Erkenntnissen etwas anpassen und erneut einsetzen kann.

Finden sich zufällig weitere Leser in Berlin auf dem Kongress ein?

Sitzordnung

Angestossen von chbeer wollte ich über die Wahl der Sitzordnung bei uns berichten. Auch wenn ich lieber ein völlig mobiles Klassenzimmer hätte, so sind durch die hohen Klassenfrequenzen doch gewisse Grenzen gesetzt, denen man Rechnung tragen muss.

Wir haben folgende Sitzordnung gewählt, bei der das Lehrerpult zur Seite rutscht und nicht mehr im Zentrum steht. Dort ist nun Platz für Aktivitäten. Mit wenig Aufwand kann man das Forum durch Verschieben von drei begrenzenden Tische noch so erweitern, sodass man Kreismethoden wie das Kugellager problemlos machen kann.

Für die Sitzordnung selber haben sich zuerst die Schülerinnen und Schüler einen Lernpartner ausgesucht, mit dem sie zusammen lernen wollen. Diese Gruppe wird von den Klassenlehrern nicht angerührt – hier haben sie volle Autonomie. Grund: Ich lerne immer in sozialen Umgebungen und nur dann, wenn ich mich irgendwie wohl fühle. Dafür ist ein Freund da.

Für die Wahl der Tischgruppen haben wir als Vorgabe gegeben, dass mindestens ein Junge und ein Mädchen an der Tischgruppe sitzen muss. Der Grund dafür sind die vergangenen zwei Jahre… Als wir die Klasse Anfang des Schuljahres übernommen haben, saßen vor uns zwei Gruppen: Links die Jungen, rechts die Mädchen. Dass dies unsinnig ist und Mädchen wie Jungen eigentlich ‘ganz ok’ sind und nicht per se ‘weh tun’ haben sie schnell mitbekommen :) .

Allerdings haben wir die Regelung nicht mit Gewalt durchgedrückt. Das Klima ist wichtiger.

Inspiration für die Art der Wahl ist der Vorschlag aus dem Buch “Fundgrube Klassenlehrer” von S. Diepold.